Freitag, 6. Juni 2008

Replik auf Krusenstern & NZZ Beitrag

Krusenstern und die NZZ haben einen kritischen Beitrag unter dem Titel "Die Ukraine, die EU und das Markenzeichen Galizien" von Richard Wagner veröffentlicht. Krusenstern hat zur Diskussion aufgerufen, was ich hier nun auch tue. Hier nun meine Replik:

A) Bei den genannten Koordinaten verstehe ich beim besten Willen nicht den Zusammenhang zwischen der Ukraine und dem Kaukasus. Der Kaukasus liegt Hunderte von Kilometern von der Südostgrenze der Ukraine entfernt.

B) Die kulturelle Gemeinsamkeit mit Russland über das 1000 Jahre zurück liegende Kiewer Rus und die orthodoxe christliche Kirche verstehe ich ja zum Teil. Aber ich behaupte mal, dass die Ukraine gerade auch wegen dieser Kultur immer noch näher an Europa liegt als z.B. die Türkei, mit der ja die EU über einen möglichen Beitritt verhandelt. Und sind nicht auch die EU-Mitglieder Bulgarien, Rumänien und Griechenland ebenfalls orthodox?

C) Der Satz "Die ukrainische Wirtschaft ist eng mit der russischen verflochten und auf Russlands Rohstoffe und Energieressourcen angewiesen.. " stimmt einfach nicht und entspricht Klischees. Und dies kann ich als jetzt schon mehrjähriger in der Ukraine tätiger Ökonom und Finanzanalyst wirklich sehr kompetent beurteilen. Es sind ganz wenige Branchen, die wirklich abhängig von Russland sind. In der Mehrheit handelt es sich sogar um Firmen, die auf globalisierten Märkten mit russischen Firmen konkurrieren, v.a. in der Metallurgie.

D) Natürlich ist die oligarchische Wirtschaftsstruktur ähnlich wie in Russland. Aber mit einem grossen Unterschied: Keiner der Oligarchen hat eine so grosse Macht, dass er das Land dominieren kann. Und das hat die Konsequenz, dass Kompromisse zwischen den verschiedenen Interessensgruppen gefunden werden müssen. Und dies ist grundlegend anders als in Russland. Ausserdem behaupte ich mal, dass es in allen Ländern Ostmitteleuropas Ad-hoc Parteienlandschaften gibt, denn in 17 Jahren lassen sich nirgends traditionelle Parteien wie in Westeuropa aufbauen. Und wegen der globale Konkurrenz der Firmen der Oligarchen mit Russland hat auch kein Oligarch ein Interesse, ein von Kreml abhängiger Unternehmer zu werden. Diese Tatsache ist grundlegend für das politische Verständnis der Ukraine.

E) Haben die Orangen (sprich das Volk) wirklich nicht die Macht in der Hand? In keinem anderen Land der GUS gibt es so offene (und vor allem so oft) freie Wahlen wie in der Ukraine. Ein sehr europäischer Wert, finde ich. Leider gibt es aber in der Ukraine (wie auch in vielen anderen Ländern) eine sehr machtversessene und egozentrische Elite.

F) Zu den Befürwortern der Integration der Ukraine: Natürlich gibt es diese macht- und wirtschaftspolitischen Überlegungen der USA (Pro) und Deutschland respektive Frankreich (Contra). Wichtiger für mich ist aber was die Ukrainer und ihre Politiker wollen. Auch wenn es für einen NATO-Beitritt (noch) keine Mehrheit gibt (50 Jahre Sowjetpropaganda im Kalten Krieg gehen nicht spurlos vorbei), gibt es für einen EU-Beitritt schon heute eine Mehrheit. Und der Weg in die EU führt nun mal für ein ostmitteleuropäisches Land über die NATO.

G) Die Ukraine ist heute im Niemandsland zwischen der EU und Russland und droht aufgerieben zu werden. Vielleicht schwer für Westeuropäer nachvollziehbar, aber bei diesen Beitritten handelt es sich um eine Überlebensfrage. Will man ein gleichberechtigtes Mitglied in der EU werden oder ein Vasallenstaat Moskaus ohne Rechte sein? Denn Moskau hat die Ukraine noch nie in seiner Geschichte als gleichberechtigt Partner behandelt. Hinterhofspolitik ist da der passende Ausdruck. Weshalb sollte sich das nun ändern? Und Moskau tut auch wirklich alles mit seiner Sowjetrethorik, um die Ukraine in die Arme der EU zu treiben. Jüngste Drohungen, bei einem NATO-Beitritt Nuklearwaffen auf die Ukraine zu richten, Aufkündigung von Freundschaftsabkommen, Anzweifeln der Zugehörigkeit von Sewastopol zur Ukraine und Aufstocken der Schwarzmeerflotte – um nur die letzten Nettigkeiten zu nennen – ist nicht die feine Art, ein Land für sich zu gewinnen. Und wirtschaftlich gesehen ist Russland einfach nicht attraktiv genug.

H) Galizien wird von den Westukrainern mystifiziert, aber noch lange nicht von allen Ukrainern. Dies wird vielleicht auch in Europa so wahrgenommen, weil der aktuelle Präsident aus der Westukraine stammt. Und natürlich muss Galizien als Marketinginstrument auch herhalten, weil es eben historisch schon einmal zu einer Westeuropäischen Grossmacht gehört hat. Man sollte aber dies nicht auf die ganze Ukraine verallgemeinern.

I) Ich stimme 100% überein, dass in Galizien die meisten nicht russifizierten Ukrainer leben.

J) Die westukrarnische Elite hat nur anfänglich mit den Nazis kollaboriert. Nicht verwunderlich, dass nach dem Terror Stalin's jede fremde Macht als Befreier angesehen wurde. Als den Westukrainern aber bewusst wurde, dass die Nazis sie ebenfalls als Untermenschen sehen, haben sie die Nazis erbittert bekämpft. Und Kollaborateure gab es in allen von den Nazis besetzten Ländern – z.B. auch in Frankreich, oder Rumänen haben im Zweiten Weltkrieg Odessa und Sewastopol belagert – um nur ein paar Beispiele zu nennen.

K) Den Satz "Der Name dafür, Holodomor, ähnelt, natürlich kaum zufällig, dem Begriff Holocaust." ist in Anbetracht des Ausmasses der Tragödie zynisch und fast schon niederträchtig. Wikipedia schreibt zur Etymologie des Wortes:

Das Wort Holodomor setzt sich aus den zwei ukrainischen Wörtern "Holod" und "Mor" zusammen. "Holod" ("голод", Russisch Golod) heißt "Hunger", "Mor" ist ein altes ostslawisches Wort und bedeutet "Tod", "Seuche", "Massensterben", in der modernen Sprachen (sowohl Ukrainisch als auch Russisch) bedeutet das "Vertilgung". Holodomor/Golodomor heißt somit wörtlich "Hungerstod". Mit dem Begriff Holocaust besteht kein etymologischer Zusammenhang.

L) Dass die Galizier an der Zerstörung des k.u.k Staates mitgewirkt haben, stimmt ja vielleicht. Aber viel aktiver waren wohl die Tschechen, Ungarn und Slowaken. All diese Länder sind schon in der EU, aber die Westukrainer sollen nun für die Zerstörung des k.u.k Staates verantwortlich gemacht werden? Seltsame Logik...

M) Der Verfasser ist Rumäne. Und bekanntlich gibt es zwischen Rumänien und der Ukraine einige aktuelle Konflikte in der Region des Donaudeltas (Schlangeninsel, Donaukanal, Moldawien) und auch historische Begebenheiten (siehe weiter oben). Gut möglich, dass diese mit ein Grund für die negative Einstellung gegenüber der Ukraine ist.

Mittwoch, 4. Juni 2008

Kurztrip nach Lviv

Vor zwei Wochen war ich beruflich auf einem Kurztrip in Lviv. Leider war ich nur einen halben Tag und eine Nacht dort. Und leider musste ich auch schon am nächsten Morgen um 07:00 das Flugzeug zurück nach Kiew nehmen.


Blick auf die Altstadt von Lviv


Lviv ist eine wunderschöne Stadt und mit Abstand die europäischste Stadt der Ukraine, die ich bisher gesehen habe. Obwohl ja auch Odessa europäisches Flair hat, ist Lviv noch um einiges europäischer geprägt. Dies liegt sicher auch an der bewegten Geschichte der Stadt, war sie nach ihrer Gründung unter dem Kiewer Rus lange polnisch (Lwów) und auch lange eine österreich-ungarische Garnisonsstadt (Lemberg - es wurde hier fast 200 Jahre lang Deutsch gesprochen...). Nach dem Ersten Weltkrieg war Lviv wieder Teil Polens und erst ab 1939 gehörte Lviv (wieder) zur Ukraine (genau genommen zur Ukrainischen SSR).


Flughafen von Lviv


Da ich mit dem Flugzeug nach Lviv gereist bin - ein grauenhafter Flug mit einer uralten Tupolew, wo die Kabine im Landeanflug mit Dampf gefüllt wurde - sah ich als erstes den Flughafen der Stadt. Ein wirklich kleiner Flughafen, der mehr an einen Bahnhof als an einen Flughafen erinnert. Danach fuhren wir mit dem Taxi an typisch sowjetischen Satellitenstädten vorbei in's Stadtzentrum.


Blick auf einen Boulevard im Stadtzentrum


Das Stadtzentrum von Lviv ist überwältigend. Es hat schöne Boulevards und enge Gassen, an denen fast ausschliesslich Häusern aus der Renaissance, dem Barock und der Jahrhundertwende stehen.


Der selbe Boulevard in andere Richtung und Park


Man hat dabei wirklich den Eindruck in einer westeuropäischen Stadt zu sein. Nur die typisch gelben Marschrutkas erinneren einem daran, dass man noch in der Ukraine ist...


Eine alte Kirche und typische Marschrutkas


Leider hatte ich wirklich wenig Zeit Fotos zu machen - es war halt eine Geschäftsreise. Und dann hat es die ganze Zeit auch noch in Strömen geregnet (die beiden Fotos mit Sonnenschein stammen aus dem Internet...). Ausserdem muss ich auch noch erwähnen, dass das Abendessen in einem Restaurant in Lviv das beste Essen war, das ich bisher in der Ukraine gegessen habe. So habe ich z.B. einen Traum von einer Pilzcrème-Suppe aus Karpaten-Pilzen gegessen...


Eine Gasse in der Altstadt


Ich habe mir vorgenommen, so rasch als möglich nach Lviv zurückzukommen und mir dann in aller Ruhe die Stadt anzuschauen.


Gasse und Platz mit Verklärungskirche

Montag, 2. Juni 2008

Kiewer Vogelmarkt

Im Norden von Kiew, am Frunse Platz (пл. Фрунзе) im Unterbezirk Kurjenevka (Куреневка) befindet sicher der Kiewer Vogelmarkt (птичка-базар). Vogelmarkt ist dabei irreführend, handelt es sich doch um einen Basar für alle Art von Kleintieren.


Stände im Kiewer Vogelmarkt


An offenen Ständen findet dabei der Kleintierfreund alles, was er sich nur vorstellen kann. Jegliche Art von Kleintieren - Hunde, Katzen, Vögel, Hühner, Mäuse, Hamster, Fische, etc. - und natürlich auch die entsprechenden Käfige dafür sowie die benötigte Nahrung und auch alles sonstige "Zubehör".


Detailansicht eines Standes


Natürlich ist es besonders interessant, wenn man mit seinem Kind dort hingeht - sozusagen ein gratis Besuch in einem Zoo. Der Vogelmarkt ist dabei etwas versteckt hinter dem "normalen" Kurjenevka Basar direkt an der Bahnlinie.


Hühner eines fliegenden Händlers


Natürlich hat es auch fliegende Händler aus dem Kiewer Umland die dort ihre Tiere (v.a. Hunde und Hühner) und spezielle Nahrung (z.B. lebende Maden für Fische...) anbieten. Völlig klar, dass die hygienischen Bedingungen nicht ganz westlichen Standards entsprechen und sicherlich werden auch europäische Tierschutzvorschriften hier nicht immer eingehalten.


Ein Stand mit Fischzubehör


Trotzdem lohnt sich ein Besuch auf jeden Fall - nicht nur mit Kindern. Ein richtig unverfälschter Ort von Kiew, wo man noch das richtige Alltagsleben hautnah mitbekommen kann.

Samstag, 31. Mai 2008

Wahlplakate

Nachfolgend noch ein paar Plakate von den Wahlen für den Kiewer Stadtrat, die ja vor einer Woche hier stattgefunden haben. Bekanntlich ist ja bei Wahlen Kiew mit solchen Plakaten vollgepflastert und überall hat es Stände und Fahnen der Parteien. Der Vollständigkeit halber möchte ich noch erwähnen, dass der bisherige exzentrische Bürgermeister Leonid Tschernowezki (Леонид Черновецкий), im Volksmund Lonja Kosmos (Лёня Космос) genannt, wiedergewählt wurde. Ebenfalls zur Wahl angetreten war der ehemalige Schwergewichtsboxer Vitali Klitschko (Виталий Кличко). Alle Fotos wurden ausserdem entlang einer einzigen Strasse aufgenommen...


Stand der Tschernowezki Partei



Banner der Herausforderes Klitschko



Plakat der Timoschenko Partei



Banner einer weiteren Partei



Die üblichen Stände und Fahnen

Sonntag, 11. Mai 2008

Kleine Details

Nachfolgend sechs Fotografien von kleinen Details aus dem ukrainischen und Kiewer Alltagsleben, die sonst vermutlich keine Beachtung finden würden.


Heldenstadt Kiew - an der Strasse vom Flughafen



Ukrainische Flaggen



Sowjetstern am Siegespark von Kiew



Sowjetische Einrichtung des Busbahnhofs von Odessa



Riesige Plakate am Siegesplatz in Kiew



Briefkästen in ukranischen Farben neben der Kiewer Hauptpost

Samstag, 10. Mai 2008

Mit dem Auto nach Donezk

Vorletzte Woche sind wir mit dem Auto nach Donezk (Донецк) gefahren, da die ganze Woche frei in der Ukraine war. In dieser Woche war sowohl Ostermontag als auch der 1. und 2. Mai (beides Feiertage). Somit war die ganze Woche frei, die beiden Arbeitstage werden aber an zwei Samstagen später noch nachgeholt.


Reiseroute von Kiew nach Donezk (anklicken für Grossbild)


Unsere Reiseroute führte dabei von Kiew über Krementschug (Кременчуг) und Dnepropetrowsk (Днепропетровск) nach Donezk und war 720 km lang. Die ganze Fahrt hat inklusive rund 2.5 Stunden Pausen 12 Stunden gedauert.


Ein der vielen Alleen, hier auf einem Damm


Die ganze Strecke führte dabei hauptsächlich über Landstrasse und nur knapp 100 km waren zweispurige Schnellstrassen. Auch wenn fast alles Landstrassen waren, gab es nur wenige Ortsdurchfahrten. Und eigentlich gab es nur in Krementschug und Dnepropetrowsk richtige Ortsdurchfahrten. Die anderen Ortschaften wurden nur am Rande gestreift... Da ja die Ukraine topografisch sehr flach ist, sind auch die Landstrassen sehr gerade mit wenigen Kurven. Und die Kurven haben meistens einen sehr grossen Radius, so dass man kaum abbremsen muss. Entlang der meisten Strassen hat es wunderschöne Alleen. Etwas unheimlich sind aber die Strassengräben, die es oft entlang der Strassen hat. Ehrlich gesagt kam es mit oft vor, als würde ich in Frankreich über das Land fahren...


Blick auf den Krementschug Stausee


In der Ukraine darf man ausserorts 90 km/h und auf Schnellstrassen 110 km/h fahren. In Anbetracht des zum Teil sehr schlechten Zustands der Strassen würde es bei höheren Geschwindigkeiten auch gefährlich werden...


Damm über Nebenarm des Krementschug Stausees


Auf den Landstrassen hat es relative viele Polizei- respektive Geschwindigkeitskontrollen. Einerseits hat es "versteckte" Kontrollen irgendwo am Strassenrand mit Laserpistole. In der Ukraine ist es aber Sitte, dass man den Gegenverkehr per Lichthupe darauf aufmerksam macht. Und dies ist wirklich sehr zuverlässsig und natürlich habe ich aus Dankbarkeit diese Sitte sofort übernommen. Andererseits hat es auch fest installierte Kontrollposten der Polizei, die DAI (ДАИ, Дорожная автоинспекция) heissen. An einem DAI muss man mit 50 km/h vorbeifahren. Die DAI liegen jeweils an strategisch wichtigen Punkten und stammen noch aus der Sowjetzeit. Viele DAI sind heute aber nicht mehr besetzt und verfallen langsam. Ich habe den Verdacht, dass mit diesen DAI in der Sowjetunion v.a. die Bevölkerung kontrolliert wurde.


Brücke in Krementschug über den Dnjepr


Tankstellen hat es sehr viele entlang der Schnell- und Landstrassen. Viele dabei sind sogar sehr modern mit Shop und einem kleinen Restaurant.


Blick von Kremenstchuger Dnjepr-Brücke an das Ufer


Die Route, welche wir gefahren sind, ist dabei sehr schön. Sie führt entlang der grossen Dnjepr-Staussen. Die Dnjepr-Stauseen sind dabei nach der Stadt mit dem Staudamm benannt (siehe auch Blogbeitrag über das Kiewer Meer). Wir sind dabei an den folgenden Staussen entlang gefahren (von Nord-Osten nach Süd-Westen):
  • Kaniwer Stausee (922 km² Fläche)
  • Krementschuger Stausee (2'252 km² Fläche)
  • Dniprodserschynsker Stausee (567 km² Fläche)
Der Krementschuger Stausee ist dabei der grösste Dnjpr Stausee überhaupt und hat eine mehr als viermal grössere Fläche als der Bodensee (Unter- und Obersee, 536 km²). Besonders imposant waren auch die Brücken in Krementschug und Dnepropetrowsk über den Dnjepr.


Berüchtigter Bahnübergang bei Krementschug


Natürlich macht man bei so einer Reise so seine Erfahrungen. Sicherlich werde ich den Bahnübergang bei Krementschug nicht vergessen. Natürlich war dort der Bahnübergang geschlossen, was ja normalerweise nicht so schlimm ist. Prompt fuhr auch ein über 1 km langer Güterzug vorbei. Die Barriere blieb aber weiterhin geschlossen und nach 10 Minuten kam ein kleiner Personenzug. Aber auch danach blieb die Barriere weitere 10 Minuten geschlossen und es fuhr eine einzelne Lokomotive durch. Natürlich fragte ich den Wärter, der aber nur sagte, dass der Bahnhog gesagt habe, er solle die Barriere geschlossen halten und er nicht wisse, wie lange es noch dauere. Und dies an einer Europastrasse! In der Zwischenyeit hatten etwa 20 Motorräder und Fussgänger den Bahnübergang passiert. Nach mehr als 45 Minuten verlor ich die Nerven und fuhr vorsichtig über den nur halb mit der Barriere geschlossenen Bahnübergang...


Bahnhof von Dnipropetrowsk


Interessant war auch die Durchfahrt durch die grosse Industriestadt Dnipropetrowsk mit mehr als 1 Million Einwohner. Neben Krementschug waren hier die Strassen am schlechtesten und zum Teil wirklich gefährlich für die Federung des Autos. Obwohl ich ja schlechte Luft aus Donezk kenne, war die Luft hier noch um einiges ätzender.


Stadtzentrum mit Stalin-Häusern


Dnepropetrowsk liegt direkt an einer Dnjepr-Kurve. Natürlich hat es auch einen grossen Flusshafen. Im Stadtzentrum entsteht ein richtig modernes Zentrum mit eindrücklichen Hochhäusern.


Skyline von Dnepropetrowsk


Nach Dnepropetrowsk folgt eine kurze Strecke mit zweispuriger Schnellstrasse entlang der Seen um Dnepropetrowsk. Obwohl erst anfangs Mai, hatte es jetzt schon sehr viele Mücken von den Seen die natürlich alle an unserer Autscheibe klebten... Die Strasse danach ist zum Teil wieder sehr schlecht. Und wenn es regnet, so bilden sich auf den ukrainischen Landstrassen zum Teil riesige Pfützen, die man fast Seen nennen könnte. Und sieht man sie bei Nacht nicht und fährt mit 90 km/h hinein, dann spritzt und rumpelt es enorm im Auto...


Blick von Dnjepr-Brücke von Dnepropetrowsk

Freitag, 9. Mai 2008

Tag des Sieges

Heute war in Kiew in der ganzen Ukraine ein Feiertag, der 63. Tag des Siegs (День победа) über Nazi-Deutschland. An diesem Tag wird vor allem den Veteranen gratuliert und gedacht, die im Krieg ihr Leben für die Verteidigung des Vaterlands eingesetzt haben.


Ein riesiges Plakat des Präsidenten zum Gedenken an den Tag des Siegs


In ganz Kiew werden anfangs Mai Plakate aufgehängt, die an den Tag des Siegs erinnern sollen. Dieses Jahr hat es besonders viele Plakate, da bald Wahlen für den Stadtrat von Kiew sind und so gratuliert natürlich auch der Präsident der Ukraine, der Bürgermeister von Kiew und auch die einzelnen Bezirksverwaltungen den Veteranen...


Ein kleineres Plakat der Bezirksverwaltung zum Tag des Siegs


In der Nähe wo wir wohnen befindet sich ja auch der Park des Ruhmes (Парк славы), der der Befreiung Kiews gewidmet ist. An diesem Tag wird der Park rege von der Bevölkerung und den Veteranen besucht.


Siegssäule im Park des Ruhmes am heutigen Tag des Siegs


Es gehört zur Tradition, an diesem Tag an der Siegessäule des Parks Blumen niederzulegen und auch wir gehen jedes Jahr an diesen Ort (letztjährige Blogbeiträge: 2006, 2007). Die Menge der Blumen, die dort niedergelegt wird, lässt sich kaum beschreiben. Ich habe noch nie an einem Ort so viele Blumen wir dort gesehen und ich habe den Eindruck, dass es jedes Jahr mehr werden...


Blumenmeer an der Siegessäule


Bekanntlich führt ja Russland jedes Jahr an diesem Tag eine Militärparade durch und heute haben die Russen zum ersten Mal seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion auch wieder Panzer über den Roten Platz rollen lassen. In Kiew gibt es auch eine kleine Parade auf dem Kreschtschatik, aber ohne Panzer und v.a. mit Veteranen. Nachfolgend möchte ich Euch noch das Video der ersten Siegesparade im Jahr 1945 von Moskau zeigen (4 Teile) - in Farbe sogar!



Und nachfolgend auch noch die heutige Parade in Moskau in gesamter Länge (7 Teile).



  • Blog: Tag des Siegs 2006: Link
  • Blog: Tag des Siegs 2007: Link

Sonntag, 20. April 2008

Kiewer Afghanistan Denkmal

Unmittelbar neben der Kiewer Lawra, sozusagen auf deren Vorplatz, befindet sich das Kiewer Denkmal der ukrainischen Opfer des (sowjetischen) Afghanistan Krieges von 1979 bis 1989. Der Grund für diese Lage liegt aber weniger an der Lawra, sondern an der Tatsache, dass sich ganz in der Nähe auch die Gedenkstätte für den Grossen Vaterländischen Krieg (Mat Rodina) befindet.


Das Kiewer Denkmal für den Afghanistan Krieg


Bekanntlich marschierten am 25. Dezember 1979 sowjetische Truppen in Afghanistan ein und die letzten sowjetischen Truppen verliessen das Land erst wieder am 15. Februar 1989. Während dieses (ersten) Krieges in Afghanistan wurden 14'453 sowjetische Soldaten getötet, darunter auch sehr viele Ukrainer, denen hier gedacht wird.


Gedenkplatte


Das Monument wurde 1994 errichtet und die zentrale Skulptur wurde vom ukrainischen Künstler Nikolai Olenik (Николай Оленик) gestaltet.


Gedenkplatte mit Namen von Opfern


Im Zentrum der Anlage steht eine Skulptur mit drei sowjetischen Soldaten. Rund herum sind Gedenkplatten mit den nach Oblasten aufgeteilten Namen der ukrainischen Kriegsopfer. Sehr eindrücklich finde ich auch, dass es eigentlich immer frische Blumen bei diesem Monument hat - Kränze vor der Skulptur, einzelne Blumen auf den Gedenksteinen. Der Krieg ist also noch sehr im aktiven Bewusstsein der Kiewer Bevölkerung.


Detailansicht der zentralen Skulptur


Auch mir ist klar, dass diese mit Russland gemeinsame traumatische Erfahrung des Afghanistan Krieges einen NATO-Beitritt der Ukraine nicht vereinfacht, obwohl ich hier wirklich nicht wieder eine Diskussion zu diesem Thema starten will... ;-)


Überblick der Gedenkstätte mit Lawra im Hintergrund


Einen sehr eindrücklichen Film über die sowjetische Perspektive des Afghanistan Kriegs ist der neue russische Film "Die neunte Kompanie" ("9 рота") des ukrainisch stämmigen Regisseurs Fjodor Bondartschuk (Фёдор Бондарчук). Der Film ist in etwa das russische Gegenstück zum amerikanischen Vietnamflim "Apocalypse now" und ich kann wirklich nur empfehlen ihn anzuschauen...

Montag, 31. März 2008

Warum ist Deutschland gegen die Ukraine?

Bei der gegenwärtigen Diskussion um einen möglichen Beitritt der Ukraine in den "NATO Aktionsplan" - einer Vorstufe der NATO-Mitgliedschaft, ist Deutschland einer der grössten Gegner einer Mitgliedschaft der Ukraine. Diplomatisch heisst es zwar, Deutschlands Haltung sei "zurückhaltend" – was aber undiplomatisch nichts anderes als Ablehnung bedeutet.

Bekanntlich ist die Ukraine ein Land, das über Jahrhunderte von den Russen dominiert wurde und erst seit knapp 17 Jahren unabhängig ist. Russland betrachtet aber die Ukraine bis heute noch als seinen Einflussbereich. Der Gasstreit anfangs Jahres und Einflussnahme auf eigenständige ukrainische Geschichtsschreibung (Holodomor), um nur einige zu nennen, zeugen davon.

Genau wie die Balten, die ebenfalls Bestandteil der Sowjetunion waren, suchen nun auch die Ukrainer die Nähe zur NATO um so ihre Unabhängigkeit langfristig zu garantieren.

Es stimmt, das im Moment nur eine Minderheit der Bevölkerung für den NATO-Beitritt ist. Dies aber nur deshalb, weil der grosse Teil der ukrainischen Bevölkerung noch nicht eingesehen hat, dass der Weg zur EU nur über die NATO führt. Die Osterweiterung der EU hat diesen Weg ganz klar gezeigt. Oft wird aber in der heutigen Ukraine für kurzfristige politische Zwecke mit den Feindbildern des Kalten Kriegs gegen die NATO agitiert.

Ein Beitritt der Ukraine in den "Nato Aktionsplan" wäre ein starkes Signal des Westens an die Ukraine und eine Honorierung der demokratischen Errungenschaften der letzten Jahre. Die Ukraine wartet sehnsüchtig auf solche Signale der Unterstützung aus dem Westen. Da bisher die Signale von der EU ausgeblieben sind, wäre es nun an der Zeit, dass die NATO ein solches starkes Signal sendet.

Die Ukraine hatte im durch Deutschland verursachten Zweiten Weltkrieg 10 Millionen Opfer (bei rund 40 Millionen Einwohnern) zu beklagen. Sowohl absolut als auch relativ gesehen eine unfassbare Zahl an Opfern. Und ich verstehe auch nicht, weshalb sich Deutschland nun zum Advokaten der russischen Hinterhofspolitik macht. Oder ist diese falsche Rücksichtnahme wirtschaftlich motiviert? Und anstelle mit der urchristlichen Ukraine über einen EU-Beitritt zu verhandeln, hat sich Deutschland für Beitrittsverhandlungen mit der Türkei stark gemacht.

Der Plan einer "neutralen Zone" zwischen Russland und der EU gab es auch schon einmal zwischen den beiden Weltkriegen. Was daraus geworden ist wissen wir alle, besonders die Staaten Zentraleuropas…

Ich bin gespannt auf Euer Feedback zu meinem etwas emotionalen Beitrag...

Sonntag, 9. März 2008

Butterwoche in Kiew

Vom Montag, 3. März bis heute Sonntag, 9. März war die Butterwoche (Масленица = Masleniza) in Kiew. Als Masleniza bezeichnet man die Woche vor Beginn des grossen Fastens vor Ostern. Der Name rührt daher, dass in dieser Woche den orthodoxen Gläubigen der Verzehr von Fleisch bereits untersagt, aber der von Milch, Milchprodukten, Eiern und Fisch noch erlaubt ist.


Maxim Rylksy Monument am Eingang zum Goloseewski Park

Auf vorchristliche Traditionen zurückgehend, war die Masleniza bis zum 16. Jahrhundert eine Art ausgedehntes Neujahrsfest oder mit unserem Silvester vergleichbar und entwickelte sich zu einem Fest zur Verabschiedung des Winters und zur Begrüssung des Frühlings.


Strasse entlang des Golseewski Parks


Die Masleniza ist ein sehr ausgelassenes Fest, bei dem vor dem grossen Fasten nochmal ausgiebig der Völlerei gefrönt wird. In ihrer traditionellen Form ist sie mit verschiedenen Brauchtümern verbunden, die zum Teil an feste Tage im Wochenlauf geknüpft waren.


Stände und Riesenrad im Park


Eine an der an der Masleniza besonders beliebte Speise sind die Blini (Блины), eine Art osteuropäsicher Crêpes. Blini gibt es mit süssen (Quark, Marmelade, Honig, Schokoladencreme) und salziger Füllung (Hackfleisch, Kaviar).


Offene Restaurants im Kiewer Winter


In Kiew findet ein Teil der Masleniza Feiern im Gloseewski Park (Голосеевский парк) im Süd-Westen der Stadt statt. Man findet dabei die Stände ganz in der Nähe des Haupteingangs des Parks (beim Maxim Rylksy Monument). An den Ständen kann man dabei alle möglichen Speisen und Getränke kaufen. Ebenfalls normal ist es, die Speisen und Getränke gleich draussen an Tischen oder im Gehen zu Essen - obwohl es erst März ist und des dann auch noch sehr kalt in Kiew sein kann. Zum Glück war es aber mit 8 Grad gestern Samstag sehr warm. Nur der leichte Regen hat etwas gestört...


Zubereitung von frischen Blini

  • Web: Mehr Infos über die Masleniza: Link
  • Blog: Goloseewski Einsiedelei: Link
  • Blog: 1. August Feier in Kiew: Link