Donnerstag, 24. Mai 2007

Staatsstreich in meinem Hinterhof

Wie schon früher erwähnt, wohne ich ja bekanntlich in unmittelbarer Nachbarschaft zur Generalstaatsanwaltschaft der Ukraine (siehe früheren Blog Beitrag) und es gab auch schon Demonstrationen im April vor dem Gebäude der Generalstaatsanwaltschaft (siehe anderen früheren Blog Beitrag). Heute während der Arbeit lese ich nun auf einem Newsticker, dass das "Gebäude der Generalstaatsanwaltschaft von bewaffneten Kräften umstellt" wurde.



Demonstranten vor der Generalstaatsanwaltschaft


Natürlich hatte ich da mal einen leichten Schock und habe als erstes meine Frau angerufen und wollte ihr mitteilen, dass sie die Wohnung nicht verlassen solle. Sie teilte mir aber ganz ruhig mit, dass sie vor rund 30 Minuten an der Generalstaatsanwaltschaft auf dem Rückweg vom Einkaufen vorbei gekommen sei und es dort viele Sicherheitskräfte in Tarnanzügen, Fernsehteams und "blaue" Demonstranten habe.


Geheimdienstleute führen den Generalstaatsanwalt ab


Ich war vorerst einmal beruhigt und wollte nun genau wissen, was da bei mir "zu Hause" los ist. Präsident Viktor Juschtschenko hat heute den Generalstaatsanwalt Swjatoslav Piskun entlassen, den er schon einmal entlassen und dann wieder eingesetzt hatte. Da der Generalstaatsanwalt aber diesem Dekret nicht Folge leistete und sich weigerte, zurück zu treten, und der Innenminister aus dem Kabinett von Viktor Janukowitsch Sicherheitskräfte der Polizei und Demonstranten zur Unterstützung schickte, eskalierte die ganze Situation fast zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen den Truppen des Innenministeriums (der Sondereinheit Berkut) und des Geheimdiensts (die dem Präsidenten unterstehen).


Fernsehkamera am Ort des Geschehens


Als ich heute Abend relativ spät von der Arbeit nach Hause kam, dachte ich eigentlich, dass der ganze Spuk schon vorbei sei. Aber natürlich wollte ich trotzdem kurz rasch am Ort des Geschehens vorbei gehen. Aber schon im Innenhof unseres Blocks hörte ich laute Sprechchöre. Vor dem Gebäude der Generalstaatsanwaltschaft hatte es eine richtige Demonstration, die Sicherheitskräfte standen immer noch vor dem Gebäude und auch die Fernsehteams waren auch noch dort. Es schien so, als wollten gerade in diesem Moment andere, in schwarz gekleidete Sicherheitskräfte des Geheimdienstes (welche dem Präsidenten unterstehen), den Generalstaatsanwalt oder jemanden anderen abführen. Die Demonstranten protestierten mit lauten Sprechchoren und es war eine recht hektische Stimmung. Nachdem ich ein paar Fotos vom Ort des Geschehens gemacht hatte und ich wirklich hungrig war, ging ich dann aber um die Ecke nach Hause. Aber schon spannend, so etwas mal live mit zu erleben, was man sonst nur aus dem Fernsehen kennt...
  • Blog: Lärmige Nachbarschaft: Link
  • Blog: Wir wohnen imgerichtsquartier von Kiew: Link

Kommentare:

Thomas hat gesagt…

Der Blog ist wirklich sehr informativ. Vor allem für mich, welcher sehr weit weg vom Geschehen wohnt. Bei uns am Maidan ist nämlich alles friedlich und ruhig.
Nur beim Bäcker gab es etwas "Unruhe", die Verkäuferin bedauerte, das es schon ab 15.00 Uhr kein Mischbrot mehr gab, weil die "Revolutionäre" alles aufgekauft hatten.

Anonym hat gesagt…

Da meine Frau aus der Ukraine kommt, und ihre Familienangehörige dort, teilweise in Kiew leben, machen wir uns große Sorgen um die derzeitige Situation.
Der Blog ist wirklich viel informativer, als die Berichtserstattung in Deutschland.
Deshalb möchte ich Sie, die gerade vor Ort sind, fragen: wie schätzen Sie die Situation in Kiew ein? Ist mit einer Eskalation, womöglich mit militärischer Gewalt zu rechnen?
Unsere Verwandschaft reagiert übrigens mit der gleichen Gelassenheit, wie die Bäckereiverkäuferin im Beitrag von Thomas. Aber mann hat sich schon oft getäuscht...

Thomas hat gesagt…

In aller Regel wird in den deutschen Medien alles sehr stark aufgebauscht. Es soll von den eigenen Problemen im Land ablenken und es soll Angst erzeugt werden.

Der Westen soll die Finger von der Ukraine lassen. Zu mindestens sollte man nicht mehr, wie bei der "Orangenen Revolution" Leute finanzieren um eigene politisch- wirtschaftliche Interessen zu forcieren. Die Ukrainer sind kein agressieves Volk und ich denke es wird auch so bleiben, solange man die Menschen nicht von aussen gegeneinander aufhetzt.
Die meisten Ukrainer sind sehr besonnen und ich denke nicht, das es hier in Kiew zur Zeit zu echter, grossflächiger Gewalt kommen wird.