Mittwoch, 10. Oktober 2007

Babi Jar

Am letzten Wochenende haben wir den traurigsten Ort der Kiewer Geschichte besucht: Babi Jar (Бабий Яр). Babi Jar (Weiberschlucht, oft auch Babi Yar geschrieben) ist eine Schlucht im Schuljawka (Шулявка) Bezirk von Kiew, die sich ursprünglich aber ausserhalb der Stadtgrenze von Kiew befand. Nach der Eroberung von Kiew durch die deutsche Wehrmacht wurden in dieser Schlucht am 29. und 30. September 1941 33'771 Kiewer Juden jeder Altersgruppe - also auch Kinder - vorwiegend mit Maschinengewehren systematisch getötet. Bis zum 12. Oktober 1941 wurden an diesem traurigen Ort insgesamt 51'000 Juden von der deutschen Wehrmacht, Angehörigen des Sicherheitsdiensts Reichsführer-SS, der Polizei, der Geheimen Feldpolizei und des Sonderkommandos 4a der Einsatzgruppe C ermordet. Durch Zeitzeugen geschilderte Szenen, die sich hier abgespielt haben, sind absolut unfassbar.


Heutiges Babi Jar Mahnmal


Babi Jar war vermutlich die grösste systematische Massentötung über einem so kurzen Zeitraum in der Menschheitsgeschichte und war u.a. auch deshalb ein Anklagepunkt im Nürnberger Prozess. Neben den Kiewer Juden wurden an diesem Ort während der deutschen Besatzung auch sowjetische Kriegsgefangene, ukrainische Widerstandskämpfer und Zivilbevölkerung unterschiedlicher Nationalitäten systematisch getötet. Man schätzt, dass an diese Ort insgesamt zwischen 150'000 und 200'000 Menschen getötet wurden. Um die Leichen verschwinden zu lassen, wurden die Wände der Schlucht teilweise von der Wehrmacht gesprengt und damit die Schlucht aufgefüllt.


Kleider von in Babi Jar erschossenen Opfern

Als sich die deutsche Niederlage begann abzuzeichnen, wurde zwischen August und September 1943 versucht, die Spuren dieses unfassbaren Massenmords zu verdecken. Hierfür wurden 300 Häftlinge des sich in unmittelbarer Nähe befindenden Konzentrationslagers Sirez (Сырец) unter brutalsten Bedingungen eingesetzt. Sie mussten die Leichen ausgraben, verbrennen und die Knochen zermahlen. Bei einer Revolte am 29. September 1943 konnten 15 Häftlinge flüchten und später am Nürnberger Prozess aussagen.


Babi Jar während den Untersuchungen durch sowjetische Truppen


Als wäre dies noch nicht genug Leid für einen Ort gewesen, brach am 13. März 1961 beim Versuch die Schlucht mit Sand, Ton und Wasser zur Neulandgewinnung aufzufüllen ein Damm und die Schlammlawine überflutete Wohngebiete, Industrieanlagen und ein Tramdepot. Diese Katastrophe wurde von den Behörden grösstenteils verschwiegen und offiziell gab es 145 Todesopfer. Inoffizielle Schätzungen gehen aber von rund 2'000 Todesopfern aus.


Heutige Babi Jar Schlucht mit Park


Ehrlich gesagt war für mich der Besuch dieses Ortes sehr beklemmend. Am Mahnmal hatte es frische Blumen und Kränze und an diesem Samstag auch Besucher. Der Park ist wirklich sehr schön und wird auch von der Kiewer Jugend benutzt. Unmittelbar am Park entlang führt eine viel befahrene, mehrspurige Strasse. Irgendwie steht dies im Kontrast zu diesem Ort. Auch habe ich mich nicht getraut, in die heutigen Reste Schlucht hinunter zu gehen (was aber durchaus von Anwohnern gemacht wird) - vermutlich aus Respekt vor den vielen Toten. An einem solchen Ort wird man zwangsläufig ruhig und nachdenklich - und versucht irgendwie das unfassbare doch irgendwie zu erahnen...
  • Die Ereignismeldung 106: Link
  • Gedicht "Babi Jar" von Jewgeni Jewtuschenko: Link
  • "Die Zeit" Artikel über Babi Jar: Link

Kommentare:

Presse & Buch hat gesagt…

Ein sehr guter Artikel. Kenne Babi Jar aus den 70-iger Jahren. Das Massaker von Babi Jar wird übrigens auch im Imperial War Museum North (Manchester) erwähnt. Ich kann dieses Museum jedem Besucher von Manchester nur empfehlen - sehr gute und objektive Darstellung - beeindruckende Videoshow: The award-winning Big Picture Show is a 360° audio-visual experience and a unique way for visitors to access the Museum’s world-renowned collections of photography, art and sound.
Info zum Museum: http://north.iwm.org.uk/server/show/nav.00c004

RaOs hat gesagt…

Ich war am letzten Sonntag-14.10.- in Babi Jar. Mir fiel auf, dass es an dem Ort selbst keinerlei Dokumentation gibt, keinen Hinweis, nur das riesige Denkmal. Der Ort spiegelt das Grauen in keiner Weise wieder. Er steht, eingebettet in das Stadtleben und die Ruhe eines Parks viel mehr in einem ganz direkten Kontrast, noch immer kann ich den Park mit diesen Verbrechen nur schwer verbinden. Es hinterläßt es ein ganz schweres Gefühl, zu verstehen, das dies Babi Jar ist

Podvalov hat gesagt…

Hallo Raos

Ja, da gebe ich Dir recht. Es ist schwierig, sich das Grauen hier konkret vorzustellen. Wie Du sagst, heute ist dies ein ruhiger, schöner Park mit ein paar Monumenten (es hat mehr Monumente als nur das von mir abgebildete in Babi Jar). Nur Frage ich mich, wie man dies ändern könnte. Im Gegensatz zu einem KZ, wo es ja Gebäude gab, hatte es ja hier nie Gebäude oder so etwas an diesem Ort. Hier wurden zigtausende Menschen erschossen - aber davon kann man 65 Jahre danach einfach nichts mehr sehen. Vielleicht sollte man grosse Tafeln mit Bildern aufstellen - ich weiss es aber auch nicht. Aber aus diesem Grund habe ich wohl zum Kontrast auch auf meinem Blog historische Fotos hinzugefügt. Man müsste da wohl am Besten einen Experten Fragen.

Herzliche Grüsse,

Podvalov