Samstag, 19. Januar 2008

Schlange Stehen für Sowjet Konti

In diesen Tagen dominiert ein Thema die ukrainischen Medien: Die Auszahlung von UAH 1'000 (= USD 200) pro Person als Kompensation für vernichtete Spareinlagen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Im Moment bilden sich deshalb auch eindrückliche Schlangen mit anstehenden Rentnern vor der staatlichen Oschadbank (Ощадбанк = Sparkasse), der ukrainischen Rechtsnachfolgerin der damals zusammengebrochenen sowjetischen Sberbank (Сбербаннк).


Anstehende Rentner diese Woche vor einer Oschadbank


Doch was soll hier eigentlich kompensiert werden? Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in den ersten Jahren der ukrainischen Unabhängigkeit gab es in der Ukraine die Behelfswährung Kupon (Купон) als Ersatz für den sowjetischen Rubel. Zwischen 1991 und 1995 finanzierte der Staat Budgetdefizite zum grossen Teil mit Krediten der ukrainischen Zentralbank, was zwangsläufig zu einer Hyperinflation führen musste. Da fragt sich nur, was für ein Idiot die damaligen Präsidenten finanzpolitisch beraten hat...


100'000 ukrainische Kupon


Die Konsequenz war eine jährliche Inflation von bis zu 10'155% (!!!) und die Zentralbank kam nicht mehr nach mit noch grösseren Kupon-Noten zu drucken. Zur Illustration: Kostete ein Cheesburger im Dezember 1992 0.99 Kupon, so kostete dieser im Dezember 1993 schon 101.52 Kupon. Da die Zinsen dieser galoppierenden Inflation nicht folgen konnten, verfiel der Wert der Spareinlagen aus Sowjetzeiten fast vollständig.


Hyperinflation zwischen 1991 und 1997


Die neue ukrainische Ministerpräsidentin Julia Timoschenko (Юлія Володимирівна Тимошенко) hat nun vor den letzten Parlamentswahlen versprochen, diese verloren gegangenen Spargelder teilweise auszuzahlen. Schon verschiedene Politiker haben dies zwar auch schon versprochen, aber keiner hatte dieses Versprechen je nach Wahlen auch eingehalten. So war es auch nicht verwunderlich, dass Julias versprechen vor den Wahlen von den meisten Beobachtern als populistisch abgetan wurde.

Für die meisten Beobachter ist es deshalb auch überraschend, dass diese Wahlversprechen nun so schnell realisiert wird. Dieses Jahr sollen insgesamt UAH 6 Milliarden (= USD 1.2 Milliarden) an Kompensationen in Bargeld an 6 Millionen Menschen ausgezahlt werden. Über die nächsten Jahren sollen insgesamt UAH 130 Milliarden (= USD 26 Milliarden) ausgezahlt werden. UAH 14 Milliarden (= USD 2.8 Milliarden) sollen als Bankguthaben kompensiert werden. Finanziert wird alles über das laufende Budget. Alle diese Zahlungen sind Schätzungen, da anfangs der 1990-er Jahre die Bankkonten in der Ukraine noch von Hand geführt wurden. Kritiker befürchten nun, dass durch diese Zahlungen die jetzt schon hohe Inflation (2007: 16.6%) noch mehr angeheizt werden könnte. Ich stufe diese Gefahr aber als relativ klein ein, da die Inflation von anderen Faktoren getrieben wird und der Betrag pro Person doch relativ klein ist.

Diese Kompensation ist ausserdem einmalig in der ehemaligen Sowjetunion. Die Ukraine ist das erste Land der ehemaligen Sowjetunion, welches eine solche Kompensation effektiv auch realisiert.

Da für ukrainische Rentner USD 200 ein beträchtlicher Betrag darstellt und diese auch mehr Zeit als die Werkstätigen haben, ist es nicht verwunderlich, dass vor allem diese Bevölkerungsruppe nun vor den Sparkassen steht. Andererseits hat die Bevölkerung (noch) kein Vertrauen in diese Ankündigung und will das Geld so rasch als möglich sichern.
  • Blog: Das liebe Geld: Die ukrainsiche Griwna UAH: Link
  • Web: NZZ: Kompensation für verlorene Bankguthaben: Link
  • Web: Hyperinflation in Ukraine (PDF): Link
  • Web: Krusenstern über meinen Beitrag: Link

Kommentare:

vladimir hat gesagt…

ich persönlich halte es für aus öffentlichen Mitteln finanzierte wahlkapmagne für die präsidentenschaft der frau timischenko. alles endet schließlich mit 1000 ausgezahlten hrynias 2008 und noch einmal 1000 2009, im oktober 2009 wird der präsident neu gewählt mit besten chancen für frau timoschenko natürlich. also paar milliarden öffentlicher gelder für den traum der frau timoschenko, mal präsidentin zu werden. sessel des regierungschefs ist ja nur ein interimsposten für sie. traurig zu sehen wie die "führungselite" nur eigenen interessen wegen das land zum kollaps führt

Podvalov hat gesagt…

Hallo Vladimir

Erstens wird mit diesem Betrag noch lange nicht die ukrainische Volkswirtschaft in den Kollaps geführt. Das wäre schlichtwegs eine masslose Übertreibung.

Dass die Führungselite nicht ganz optimal ist - und zwar von allen Parteien - ist hinlänglich bekannt. Auch schon Janukowitsch hat kurz vor den letzten Parlamentswahlen die Renten erhöht und damit die hohe 2007 Inflationsrate mitverursacht - natürlich ebenfalls mit staatlichen Geldern.

Klar hat Julia Timoschenko damit politische Absichten im Sinn -sie ist ja schliesslich auch Politikerin. Aber wenigsten kommt die Auszahlung der Bevölkerung zu gute.

Immer noch lieber solche Massnahmen wie die direkte Bereicherungen der Politiker, was leider nur zu oft vorkommt.

Gruss,

Podvalov

Anonym hat gesagt…

Hallo,
noch mal eine Info zu der Ausstellung im Botanischen Garten,
die Ausstellung ist letzte Woche schon eroeffnet worden wurde im Fernsehn berichtet.

gruss dirk

Podvalov hat gesagt…

Hallo Dirk

Danke für die Info.

Beste Grüsse,

Podvalov

vladimir hat gesagt…

1. herr jasnukowitsch steht hier nicht zur debatte. der mann ist schon aufgrund fehlener intelligenz aus der führung des staates disqualiffiziert. das ist eine option, die nicht mal ernsthaft besprochen wird

2. klar bringt das die wirtschaft nicht aus fugen. aber was für politik ist das? man zahlt 200 dollar pro nase aus, schießt damit einen lücke im haushalt und deckt sie durch privatisierungserlösen. also durch verkauf des vermögens, das durch mehrere generationen aufgestockt wurde und nur um eigenen arsch in auf dem höchsten se sessel des staates bequem zu paltzieren. was wird für die nächsten 1000 hryvnias verkauft? es wird aber an jeder ecke geschrien, dass das eine regierung der reformatoren ist. gewiss in der regierung sind mehr fähige männer als in vorherigen, der regierungschef (oder -in) ist genau so zu reformen unfähig wie der frühere. janukowitsch verstand zu wenig, timoschenko kann die reformen über einege interesen nicht stellen. oder hat die regierung schon eine erklärung im parlament abgegeben und ein reformpakett präsentiert. "Ukrainischer durchbruch" a la julia ist für mich kein programm, das ist nur eine sammlung populistischer wahlslogans. und um es mit den worten der großen Julia auszudrücken "die regierung präsentiert ihnen (dem parlament) nicht die zahlen, wir präsentieren ihnen philosophie meines (julias) denkens". danke schön! ich will aber ein konkrettes programm und kein zirkus

3. und noch kleine bemerkung madame timoschenko ist in meinen augen eine kreuzung aus Hugo chavez und evita peron. und was sie am bestem kann: sich eine dornkrone aufsetze, ans kreuz schlagen und für das volk medienwirksam leiden, ohne dabei zu vergessen, das teurste kleid und make up anzuziehen

Anonym hat gesagt…

Hallo Peter,
einen kleiner Vorgeschmack auf die Ausstellung im Botanischen Garten hast du hier : http://community.webshots.com/user/pippie8 unter Kiew 2008. Deine Fotgrafien der Heiligen Dreifaltigkeits-Kathedrale sind übrigens viel schöner ! Was mußt du für ne tolle Kamera haben !
Liebe Grüße
Iris

Podvalov hat gesagt…

Hallo Iris

Wo sind denn diese kleinen netten Minihaeuschen von Kiew ausgestellt? Die gefallen mir sehr und moechte ich mal selbst anschauen gehen?

Gruss,

Podvalov

Anonym hat gesagt…

Hallo Peter, die sind im Gidropark, wenn du aus dem Zentrum kommst links von der Metro. hinter dem Restaurant "Mühle". Ich war auch ganz erstaunt, die Ausstellung zu sehen. Sie gibt es erst seit 2006 und ich fand sie auch sehr gut gemacht und wir hatten ja auch noch mit dem Wetter (Schnee und Sonne) Glück ;)
Viel Spaß also!
Liebe Grüße
Iris

Matthias hat gesagt…

Hallo Podvalov, sehr interessant, was Du alles über Kiev schreibst. Ich lebe in Stuttgart und will in Kiev eine Firma gründen. Aber ich brauche noch einen Partner in Kiev. Ich weiß nicht, ob Du überhaupt an so etwas Interesse hast, aber wenn Du magst, können wir uns in Kiev treffen. Ich bin vom 31.01.2008 bis 04.02.2008 in Kiev.

Einen schönen Tag

Matthias (mp091160@gmail.com)

Anonym hat gesagt…

Ja ja Vladimir, immer nach dem Motto:"Ich habe meine Meinung, verwirren Sie mich nicht mit Fakten!"
Sie sollten über die Argumente von Podvalow mal wirklich nachdenken.
iris

Golovko hat gesagt…

Eine Schwierige Frage die hier diskutiert wird....volkswirtschaftlich gesehen wäre es sinnvoller, mit den 1.2 Milliarden US-Dollar die marode Infrastruktur der Ukraine zu verbessern.
Andererseits haben die Menschen in der Ukraine auch ein moralisches Anrecht auf die Auszahlung ihrer alten Sparguthaben.
Siehe hierzu auch mein Blogartikel:
http://golowko.blogspot.com/2008/01/gerechtigkeit-oder-populismus.html

vladimir hat gesagt…

naja toll

1. von 1000 hryvnja wird ja keiner reich

2. tolle haushaltspolitik: wir verkaufen ingerdwas, was noch verkaufen werden kann, und finanzieren wahlkampagna der regierungschaefin

3. über die fakten: ratsam wäre die neue gesetzesvorlage zur privatisierung zu lesen, die Madamme dem parlament vorlegwn will. das land ist zum verkauf ausgeschrieben. ok ok nichts dagegen, wenn mal ein pfennig in ingerdwas investiert wird.

4. wieso soll ich eine regierung unterstützen, die ja nichts beabsichtig, außer sich eine günstige position vor der nächsten wahl zu verschaffen und die wahlkampagna aus den öffentlichen mitteln bestreicht.

Anonym hat gesagt…

@Vladimir,
na gut
1. Ich weiß nicht, woraus du dein Leben finanzierst, aber für viele hier in der Ukraine, besonders für Rentner, sind 1000 Griwna sehr wohl viel Geld. Keiner hat behauptet, dass man davon reich wird.
2.und 3.
Frau Timoschenko wurde rechtmäßig gewählt, wenn die Ukrainer eine andere Politik gewollt hätten, hätte das Ergebnis anders ausgesehen.
4. Keiner zwingt dich, diese Regierung zu unterstützen.

Podvalov hat gesagt…

Hallo Vladimir

Ich gehe mal davon aus, dass Du Ukrainer bist. Meine Frage nun: Wen, wenn nicht Timoschenko und Janukovitsch, hast/hättest Du gewählt? Keine Partei zu wählen kann ja wohl auch keine Alternative sein, denn bekanntlich hat jedes Land die Politiker, die es verdient hat. So funktioniertnun halt einmal Demokratie. Würde mich echt interessieren...

Gruss,

Podvalov

vladimir hat gesagt…

meine präferenz für posten des ministerpräsidenten wäre jechanorow. aber wie bekannt, derjenige, der sagt, dass die gas- und strompreise sowie die ÖPNV-Tarife allmälich steigen müssen, sonst haben die stadtwerke kein geld, um ihre fixkosten zu decken, geschweige für den ersatz des veralteten fuhrparks, der ist laut julia ein verräter und "kutschmist" (ein wörtchen, das in der ukraine vieles erklärt) und hindert sie das volk glücklich zu machen. natürlich darf sich mittlerweile die hälfte der bevölkerung zum null-tarif chauffieren lassen udn über den fuhrpark schimpfen. interessant, wo kommt das geld für die ersatzivestition her, wenn da alle umsonst fahren wollen.....

und noch. herzliches Glückwunsch. gestern haben Madamme auf ner pressekonferenz erklär, dass die steuerverwaltung nicht meher die Richtersprüche in den Streitigkeiten, die nicht zugunsten der Steuerverwaltung ausgegengen sind, beachten muss. warum auch. die richter seien laut Madamme sowieso korrupt. und zur bekämpfung der korruption hebelt man einfach den grundsatz der rechtsstaates aus. einfach so... l'etat se moi. was recht und was unrecht ist, entscheidet jetzt nicht der richter sonder Madamme. Hauptsache die staatskasse wird gefüllt, um die nächste "wohltat", sprich nechten schritt der präsidentschaftskampagne, zu finanzieren. ich frag' mich manchmal, ob sie auf diesen pressekonferenzen mal auch denkt, oder einfach so von sich das hergibt, was ihr gerade einfällt. aber dass ein finanzbeamte jetzt dem richterlichen urteil auf geheiß der regierung nicht folge leisten darf, ist wohl der hammer. sowas hab ich nicht mal von ihr erwartet

Anonym hat gesagt…

Möchte mich da Vladimirs Meinung teilweise anschließen.
Die "Orangenen" sind nicht aus den Herzen der Ukraine, sondern durch Sponsorengelder des "Westens" emporgestiegen. Eine gute PR und die übliche Korruption wirkten da ja wirklich Wunder. Daraus resultierte zu diesem Zeitpunkt eine sehr brisante Situation für das ganze Land, eigentlich so wie überall, wo der profitorientierte "Westen" seine gierigen Finger im Spiel hat.
Egal wie hübsch und auch redegewandt diese Gasprinzessin ist, eine gute Wahl ist diese Frau meines Erachtens für die Ukraine nicht.

Ramiro Arena hat gesagt…

Das ist doch alles alter Scheiss, was soll man damit denn machen. Das interessiert doch keinen mehr. Warum wird das nicht aktualisiert (oder einfach gelöscht). Alles wird angefangen, alles, aber die grünen Bubis verläßt dann die Lust, keine Lust mehr, lass man.
Löschen!