Freitag, 17. Oktober 2008

Bankenkrise in der Ukraine

Die Finanzkrise ist auch in der Ukraine angekommen. Und damit meine ich nicht, etwa dass die ukrainische Aktienbörse seit Jahresanfang rund 80% an Wert verloren hat. Denn diese Verluste betreffen fast nur ausländische Investoren und nicht die Bevölkerung hier.

Seit rund zwei Wochen ist das ukrainische Banken- und Finanzsystem in der schwersten Krise seit 1998. Letzte Woche ist die erste grössere Bank ‚ die Prominvest Bank – Konkurs gegangen und vom Staat übernommen worden. 15 weitere Banken mussten bei der Notenbank Notkredite beantragen. Seit anfangs Woche können Sparkonti nicht mehr abgehogeben werden und viele Banken haben tägliche Restriktionen für Barbezüge auf alle Konti, also auch die Sichtkonti, eingeführt. Meine Bank zum Beispiel – die im österreichischen Besitz sich befindende und zweitgrösste Bank des Landes, die Raiffeisen Bank Aval – lässt nur noch tägliche Bezüge im Wert von USD 5’000 von meinem Lohnkonto zu.


Eine 100 Hriwna Banknote

Das grösste Risiko liegt aber nicht im eigentlichen Kollaps des Bankensystems, von dem eigentlich niemand ausgeht, obwohl es sich um die grösste Bankenkrise in der Ukraine seit 1998 handelt. Das Risiko liegt im Moment in der Abwertung der Lokalwährung Hriwna (UAH). Vor einem Monat war der Hriwna-Dollar-Wechselkurs noch 4.85. Aktuell liegt der Wechselkurs bei rund 5.30, also um rund 10% abgewertet. Der Grund für die Abwertung ist die Angst um das riesige, negative Handelsbilanzdefizit. Die Ukraine importiert viel zu viele Konsumgüter aus dem Westen und verkauft zu wenig selbst produzierte Güter. Bisher wurde diese Differenz, eben das Handelsbilanzdefizit, durch ausländische Direktinvestitionen finanziert. Mit der globalen Finanzkrise erwartet man, das einerseits die ukrainischen Exporte – dies sind vor allem Metallprodukte – stark einbrechen, und andererseits die Investitionen aus dem Ausland ausbleiben. Diese nicht finanzierte Lücke würde zwangsläufig zu einer Abwertung der Hriwna führen. Man erwartet bei einem solchen Szenario einen Wechselkurs von 7, also nochmals eine Abwertung von rund 30%. Und eine Abwertung der Hriwna würde zu höheren Preise der importierten Konsumgüter führen, was die jetzt schon hohe Jahreinflation von rund 20% noch mehr anheizen würde. Nun hofft die Ukraine, dass der International Währungsfonds IWF dieses riesige Defizit mit einem Kredit finanziert, um den Zusammenbruch der Lokalwährung zu verhindern. Die Chancen dazu stehen nicht einmal so schlecht.

Für mich im Moment ist das grösste Problem, dass ich mein hier erspartes Geld, welches auf einem Hriwna Konto liegt, da mein Lohn auch in Hriwna ausbezahlt wird, nur in Raten auf ein Dollar-Konto und dann in die Schweiz überweisen kann. Denn im Moment kann ich wie gesagt nur Beträge im Wert von USD 5'000 von einem Konto auf ein anderes überweisen. So gehe ich halt im Moment jeden Tag auf meine Bank um wieder eine Tranche abzuheben...

Kommentare:

Thorsten hat gesagt…

USD 5.000 täglich? Ich hab's mir noch schlimmer vorgestellt, um ehrlich zu sein.

Bemerkenswert ist, dass die Hrywna nur mit dem US-Dollar verglichen wird. Gegenüber dem Euro hat sie nämlich gegenüber dem vergangenen Sommer nämlich sogar etwas an Wert gewonnen.

Aber wer will schon mit den armen Ukrainern tauschen? Zunächst sind ihre - weitgehend in Dollar angelegten - Sparguthaben nicht nur wegen der Inflation, sondern vor allem wegen des Dollarverfalls zuletzt ziemlich entwertet worden, jetzt drohen ihnen sogar noch weitere Preisanstiege.

Anonym hat gesagt…

kurz-mittelfristge Zukunft der Ukraine: Wie dem Blogeintrag zu entnehmen ist, hat sich die ukrainische Währung gegenüber dem Dollar und dem Euro stark abgewertet, aufgrund Rückzug des ausländischen Kapitals, welches das bisherige Handelsbilanzdefizit finanziert hat. Grundsätzlich ist ja nichts gegen ein negatives Handelsbilanzdefizit einzuwenden, da bspw. im Falle der USA, welche ja schon seith "jeher" eine negative Handelsbilanz aufweisen., genügend ausländisches Kapital zur Finanzierung dieses Defizits zur Verfügung steht. Somit könnte rein theoretisch auf unendliche Zeit ein solches negatives Handelsbilanzdefizit weiter bestehen.

Im Falle der Ukraine sieht es natürlich anders aus. Investitionen resp. das Kapital wird bei globalen Krisen relativ rasch abgezogen und in "safe havens" gebracht. Deshalb hat nun die Ukraine das Problem, das sich die Währung abwertet, welche ja eigentlich nichts anderes darstellt, als die relative Stärke der Volkswirtschaft zum Ausland (resp. hier die USA). Interessanterweise hat sich Anders Aslund, ein Ökonom des PGP Institutes noch kürzlich für eine free-floating exchange rate in der Ukraine ausgesprochen, was ja in der Praxis mehr oder weniger gemacht wurde seit diesem Jahr (in einer bestimmten Bandbreite). In diesem Artikel (http://www.iie.com/publications/opeds/oped.cfm?ResearchID=903) wurde gesagt, dass die aufgewertete UAH zu tieferen Importpreisen und letztlich zu geringerer Inflation führt. Nun sieht die Situation anders aus: War vor einigen Monaten die UAH relativ stark gegenüber dem Dollar, wertet sie sich nun stark ab.

In einem Artikel der Kyiv Post wurde gesagt, dass die Nationalbank die exchange rate stabilisiere. Was bedeutet das? Die Nationalbank wird gemäss Standardtheorie die Geldmenge zurückfahren, was zu höheren Zinsen führen wird, womit die UAH wieder an Attraktivität gewinnen wird, sprich die Währung sich aufwerten wird; die Inflation sich verringern resp. mindestens nicht stärker steigen sollte.

Nun, wo liegt das Problem? Steigende Zinsen. Ich bin kein Spezialist der ukrainischen Ökonomie, aber soviel ich weiss, leben man mehr oder weniger auf "Pump" (was ja das negative Handelsbilanzdefizit zeigt). Die Frage ist nun, wer kann sich die höheren Zinsen wie lange leisten?

Es gibt viele Beispiele in der Wirtschaftsgeschichte resp. Krisen, die diesen Mechanismus in irgendeiner Form zugrunde haben. Autos, Wohnungen (deren Preise massiv gestiegen sind in den letzten Jahren), dürften teurer werden. Sobald sich einige Menschen das nicht mehr leisten können, könnte eine Dynamik eintreten, die zu einer veritablen Krise mit fallenden Häuserpreisen etc. werden könnte....

Was denkt ihr dazu? Wäre interessant, eure Meinungen zu hören!

Anonym hat gesagt…

Ach ja.. was ich noch anfügen wollte: Im Tagesanzeiger konnte man einen Artikel lesen mit dem Titel "Osteuropäische Länder vor dem Ruin". Dabei wurde jedoch lediglich gesagt, dass "viele Leute" Geld abheben würden, die Währung sich abwerte... mehr aber auch nicht...mit diesem Titel hätte ich dort mehr erwartet.

Was wieder einmal zeigt, dass der Tagi in diesem Sinne nichts taugt. Die NZZ hat nämlich nichts derlei geschrieben.

Anonym hat gesagt…

Eigentlich darf die Bank deine Abhebungen nur am Automaten beschränken. Am Schalter musst du aber unmittelbar Zugriff auf dein gesamtes Guthaben bekommen. Ansonsten schriftlich geben lassen, dass du dein Geld nicht abheben kannst und an die Zentralabank wenden.
Übrigens ist es ja nicht so, dass Sparguthaben gar nicht ausgezahlt werden, sondern nur als Festgeld angelegte Beträge nicht vorzeitig ausgezahlt werden dürfen.
Wie wäre es mit einer anderen Bank? Es gibt doch zumindest ein paar gute und zuverlässige Alternativen.

einen schönen Tag

Anonym hat gesagt…

Hallo anonym,
das klingt ja alles sehr schön und klappt in Deutschland sicher auch ganz gut, aber "Ansonsten schriftlich geben lassen, dass du dein Geld nicht abheben kannst ", das entlockt ukrainischen Bankmitarbeitern nicht mal ein müdes Lächeln!
Iris

Podvalov hat gesagt…

An paar Anmerkungen zu den bisherigen Kommentaren:

- Vom Handelsbilanzdefizit aus gesehen lebt die Ukraine schon auf Pump. Aber betrachtet man die Verschuldung der Individuen oder der Firmen, so ist die Verschuldung international gesehen sehr tief in der Ukraine.

- Dass sich die Hriwna stark abgewertet hat finde ich mit 10% doch etwas übertrieben... Aber wer weiss, was da noch kommen wird.

- De facto Free Float: Nein, dem ist leider noch nicht so. Schon immer gab es Differenzen zwischen dem Interbank Markt und dem offiziellen Wechselkurs der NBU. Ausserdem hat die NBU schlichtwegs noch nicht das Instrumentarium für den Free Float und interveniert oft zu spät und viel zu zögerlich.

- Eine sicherere Bank wie die seit drei Jahren im westlichen Besitz sich befindende Aval (und Nummer 2 im Land)? Meinst Du da etwa die Prominvest Bank oder die Privatbank? ***schmunzel*** Ausserdem haben viele Banken noch härtere Limiten wie die Aval. Und den Tipp sich das schriftlich geben zu lassen und sich an die NBU zu wenden ist etwas lebensfremd... ;-)

Gruss,

Podvalov

Andreas hat gesagt…

Wie viele Tage wirst Du eigentlich insgesamt zur Bank gehen? :-)

Gruß Andreas

Anonym hat gesagt…

Hallo Podvalov,

Meine Schweigermutter auf der Krim kann seit Gestern nicht mehr auf Ihr US$-Konto bei der Aval zugreifen. Sie hat's in Alushta und Simferopol probiert.

Bei Familienmitgliedern, Freunden und Kollegen macht sich schon Panik breit.

Gerade bei den Älteren dort herrscht null Vertrauen in das "Geldwesen" da praktisch alle Anfang der 90er Ihre Ersparnisse verloren hatten.

Mal sehen wie das weitergeht.

Gruß
Marcus

nondoc hat gesagt…

Lieber Herr Podvalov,

ich hatte vor, in den nächsten Tagen auf der Krim ein Konto einzurichten, auf das dann eine fünfstellige Euro-Summe eingehen sollte. Wie sind die Chancen, das Konto nicht nur eröffnen zu können, sondern das Geld auch ausbezahlt zu bekommen? Schließlich hat man nicht die Zeit, jeden Tag zur Bank zu dackeln. Noch sitze ich im herbstlich-schönen Deutschland. Any ideas? Und Grüße nach Kiev.

Anonym hat gesagt…

Auch von mir ein paar Kommentare:

- Vom Handelsbilanzdefizit aus gesehen lebt die Ukraine schon auf Pump. Aber betrachtet man die Verschuldung der Individuen oder der Firmen, so ist die Verschuldung international gesehen sehr tief in der Ukraine.

Irgendwie müssen ja bei einem Staat, dessen Exporte kleiner sind als die Importe, diese irgendwie finanziert werden. Die Frage wäre auch, ob du die absolute Verschuldung der privaten Haushalte und Firmen im international Kontext meinst. Die relative dürfte jedoch nicht so gering sind, wie ich in einigen Journals gelesen habe. Generell ist ja Osteuropa dafür bekannt, dass die Kreditvolumen in den letzten Jahren massiv gestiegen sind. Grundsätzlich kein Problem, da auch beachtet werden muss, dass es sich um ein Aufholprozess gegenüber europäischen Ökonomien handelt. Dennoch, die Gefahr des Überschiessens droht.

In einem Artikel des Economists vor einigen Monaten wurde darauf hingewiesen, dass der Bankensektor in osteuropäischen Ländern stark duch europäische Institute geprägt sind. So dürfte in einem baltischen Staat (weiss nicht mehr welcher), die SEB Bank (Schweden), welche auch in der Ukraine aktiv ist, praktisch 70% sämtlicher Vermögen im Land verwalten - also ein Klumpenrisiko.


- Dass sich die Hriwna stark abgewertet hat finde ich mit 10% doch etwas übertrieben... Aber wer weiss, was da noch kommen wird.

Ja, da hast du recht. Der Tagi war da zu voreilig :) Dennoch musste die NBU interveniern, soviel ich gehört habe. Und so eine Intervention ist ja auch nicht "kostenfrei", wenn Dollars verkauft werden und sozusagen Lokalwährung aus dem Markt genommen wird, dürfte sich das in den Zinsen - je nach dem wie stark - auswirken.

- De facto Free Float: Nein, dem ist leider noch nicht so. Schon immer gab es Differenzen zwischen dem Interbank Markt und dem offiziellen Wechselkurs der NBU. Ausserdem hat die NBU schlichtwegs noch nicht das Instrumentarium für den Free Float und interveniert oft zu spät und viel zu zögerlich.

Dann vielleicht sowas wie ein "dirty float" ? :) Hab mal gelesen, dass in diesem NBU Präsidium Leute sitzen, die ein sehr grosses persönliches Interesse haben, dass die UAH schwach ist gegenüber dem Dollar. Wieso wird eigentlich immer der Dollar als Referenzwährung genommen? Ist die USA das wichtigest Import-Export Land für die Ukraine?

Generall wird man die weitere Entwicklung abwarten müssen. Die kurz- bis mittelfristigen Perspektiven dürften doch eher negativ sein, was das Wachstum etc. betrifft. Auf der anderen Seite denke ich, dass es für die normale Bevölkerungsschicht nicht zu grösseren Einbussen im täglichen Leben kommen wird (mal abgesehen von den aktuellen Zugriffsproblem auf Bankkonten). Die Reichen jedenfalls spüren das globale Klima stärker.

Podvalov hat gesagt…

Warum wird der Dollar als Referenzwährung in der Ukraine genommen?

Der Hauptgrund liegt darin, dass die ukrainischen Exporte v.a. auf Rohstoffen beruhen (Metallurgie, Düngemittel, Gas) und diese bekanntlich in Dollar gehandelt werden.

Die NBU beabsichtigt aber, in absehbarer Zeit auf einen Basket aus Dollar und Euro zu wechseln.

Das mit der Zusammensetzung des NBU Rates stimmt leider...

Gruss,

Podvalov

Anonym hat gesagt…

Guten Tag Herr Podvalov,

ich habe eine ukrainische Freundin welche im Ausland lebt und arbeitet.
Sie ist also nur sporadisch in der Ukraine.
Sie hat allerdings Gelder (in EUR) bei einer Ukrainischen Bank liegen (Ersparnisse).
Wohl auch als Sicherheit für die Familie.
Jetzt hat sie die Nachricht erhalten, daß das Geld eingefroren ist - und zwar komplett.
Nun hat sie riesige Angst, daß dieses Geld für sie verloren ist!
Schlechte Erfahrungen hatte man bereits in den 90iger Jahren diesbezüglich machen müssen.
Nun kenne ich die politischen und auch die wirtschaftlichen Verhältnisse in der Ukraine nicht gut genug.
Vielleicht können Sie bitte mal Ihre Einschätzung kundtun?
Quasi als Kenner der Szene.

Dafür vielen Dank und mit freundlichen Grüßen
tom

Anonym hat gesagt…

Hallo in die Runde,


schade, ich hatte auf einige Antworten gehofft.
Auch von den Mitlesenden.

Mittlerweile steht ja sogar ein Staatsbankrott der Ukraine im Raum.
Der IWF konnte dies mit seinen Geldzusagen wohl erst mal verhindern.

Ich bin sehr an Insider-Erfahrungen interessiert.
Vielleicht kann ich doch noch auf Wortmeldungen hoffen?

Dies wäre nett, ich bin sehr gespannt.

Viele Grüße
Tom